Die meisten wichtigen Entscheidungen treffen wir nicht mit vollständiger Information. Wir treffen sie im Nebel. Trotzdem behandeln wir sie oft so, als müssten wir nur lange genug nachdenken, dann werde die Unsicherheit schon verschwinden. Sie verschwindet nicht.
Gute Entscheidungen unter Unsicherheit erkennt man nicht am Ergebnis, sondern an der Qualität des Vorgehens. Drei Werkzeuge helfen mir und meinen Klientinnen und Klienten dabei besonders zuverlässig.
Warum Unsicherheit so viel Kraft kostet
Unsicherheit ist für unser Gehirn anstrengender als eine schlechte Nachricht. Eine Studie am University College London (de Berker und Kollegen, 2016) hat das eindrücklich gezeigt: Versuchspersonen waren dann am stärksten gestresst, wenn sie nicht wussten, ob ein unangenehmer Reiz kommt. Die Gewissheit, dass er kommt, belastete sie weniger. Das erklärt, warum offene Entscheidungen so lange nachhallen. Sie laufen im Hintergrund weiter, auch am Wochenende, auch nachts.
Führungskräfte reagieren darauf oft mit einem von zwei Reflexen. Der eine ist der Schnellschuss: Hauptsache, das unangenehme Gefühl ist weg. Der andere ist das Weitersammeln: noch eine Analyse, noch eine Runde, noch ein Gespräch. Beides fühlt sich nach Handeln an. Beides weicht der eigentlichen Frage aus, nämlich wie viel Sicherheit diese Entscheidung überhaupt braucht.
Erstens: die Pre-Mortem
Bevor Sie eine Entscheidung treffen, stellen Sie sich vor, es ist ein Jahr später, und die Entscheidung war ein Fehler. Fragen Sie dann: Was ist passiert? Diese kleine Verschiebung der Perspektive macht Risiken sichtbar, die der Optimismus der Planung sonst verdeckt. Es ist die ehrlichste Form der Risikoanalyse, die ich kenne.
Zweitens: die Umkehrbarkeit prüfen
Nicht jede Entscheidung verdient gleich viel Sorgfalt. Die entscheidende Frage lautet: Lässt sich das rückgängig machen? Umkehrbare Entscheidungen sollten Sie schnell treffen, das Zögern kostet hier mehr, als es bringt. Unumkehrbare Entscheidungen verdienen Zeit, Rat und einen zweiten Blick. Wer beide Typen gleich behandelt, verschwendet entweder Zeit oder Sorgfalt.
Sicherheit ist keine Voraussetzung für eine gute Entscheidung. Sie ist ein Luxus, auf den wir selten warten können.
Drittens: der Wertekompass
Wenn die Sachlage keine eindeutige Antwort hergibt, und das ist bei schwierigen Entscheidungen die Regel, hilft kein weiteres Datum. Dann hilft die Frage: Welche Option passt zu dem, wofür ich stehe? Entscheidungen, die gegen die eigenen Werte gehen, fühlen sich auch dann falsch an, wenn sie sich rechnen. Der Wertekompass ersetzt die Analyse nicht, aber er bringt sie zu Ende.
Entscheidung treffen trotz Unsicherheit: der Ablauf im Überblick
Die drei Werkzeuge wirken am besten in einer festen Reihenfolge. So nutze ich sie im Coaching, und so können Sie sie auch allein anwenden:
- Die Frage klären. Was genau steht zur Entscheidung, und bis wann muss sie fallen? Viele Entscheidungen wirken größer, weil zwei Fragen in einer stecken.
- Umkehrbarkeit prüfen. Lässt sich der Schritt zurücknehmen, entscheiden Sie zügig und legen einen Termin fest, an dem Sie das Ergebnis prüfen.
- Pre-Mortem durchspielen. Schreiben Sie auf, woran die Entscheidung in einem Jahr gescheitert sein könnte. Was sich davon heute absichern lässt, sichern Sie ab.
- Mit den eigenen Werten abgleichen. Welche Option können Sie auch dann vertreten, wenn sie nicht aufgeht?
- Entscheiden und aussprechen. Eine Entscheidung, die nur im Kopf existiert, ist noch keine.
Unsicherheit im Team offen ansprechen
Wer führt, entscheidet selten nur für sich. Teams spüren Unsicherheit ohnehin, auch wenn niemand sie ausspricht. Was Vertrauen kostet, ist deshalb nicht die Unsicherheit selbst, sondern die vorgespielte Gewissheit. Hilfreich sind drei Sätze: Das wissen wir. Das wissen wir noch nicht. Und an diesem Punkt schauen wir wieder hin. Damit geben Sie Orientierung, ohne etwas zu versprechen, das Sie nicht halten können. Und Sie machen es leichter, eine Entscheidung später zu korrigieren, ohne das Gesicht zu verlieren. Besonders in einer neuen Rolle entlastet das, mehr dazu in Die ersten 100 Tage.
Unsicherheit bleibt unbequem. Aber sie ist kein Zeichen, dass Sie noch nicht bereit sind. Sie ist die normale Bedingung von Verantwortung.
Häufige Fragen
Wie treffe ich eine Entscheidung, wenn mir Informationen fehlen?
Prüfen Sie zuerst, ob die Entscheidung umkehrbar ist. Umkehrbare Schritte treffen Sie zügig und legen einen Prüftermin fest. Bei unumkehrbaren Schritten spielen Sie eine Pre-Mortem durch und gleichen die Optionen mit Ihren Werten ab. Vollständige Information ist dabei nicht das Ziel, ein sorgfältiges Vorgehen schon.
Was ist eine Pre-Mortem?
Bei einer Pre-Mortem stellen Sie sich vor, die Entscheidung liege ein Jahr zurück und sei gescheitert. Dann sammeln Sie die Gründe dafür. Der Perspektivwechsel macht Risiken sichtbar, die in der Planung sonst übersehen werden. Die Methode geht auf den Psychologen Gary Klein zurück.
Warum fällt es so schwer, sich zu entscheiden?
Unsicherheit belastet das Gehirn stärker als eine bekannte schlechte Nachricht. Offene Entscheidungen binden deshalb Aufmerksamkeit, bis sie getroffen sind. Wer das weiß, kann bewusster gegensteuern: die Frage eingrenzen, einen Zeitpunkt festlegen und die Entscheidung dann auch aussprechen.
Wenn Sie vor einer schwierigen Entscheidung stehen, schreiben Sie mir gern. Ich antworte persönlich.

