Perfektionismus hat einen guten Ruf, der ihm nicht zusteht. Im Bewerbungsgespräch gilt er fast als Tugend, die elegante Schwäche, die eigentlich eine Stärke ist. In meiner Praxis sehe ich die andere Seite. Perfektionismus ist einer der häufigsten leisen Gründe für Erschöpfung.
Er sieht aus wie hoher Anspruch. In Wahrheit ist er oft etwas anderes: die Angst, nicht zu genügen, in fleißiger Verkleidung.
Der Unterschied zwischen hoch und unmöglich
Hohe Ansprüche sind etwas Gutes. Sie richten sich auf die Sache, sie sind erreichbar, und sie kennen ein Ende. Perfektionismus dagegen richtet sich auf die Person, er ist nie ganz erfüllbar, und er kennt kein Ende. Was auch immer Sie tun, es hätte besser sein können.
Dieser feine Unterschied entscheidet darüber, ob Anspruch antreibt oder aufzehrt. Hoher Anspruch gibt nach getaner Arbeit Zufriedenheit. Perfektionismus gibt bestenfalls eine kurze Erleichterung, bevor der nächste Zweifel beginnt.
Warum er auch fachlich schadet
Man könnte meinen, Perfektionismus führe wenigstens zu besseren Ergebnissen. Meist tut er das nicht. Er führt zu Verzögerung, weil nichts fertig genug ist. Zu Mikromanagement, weil niemand es gut genug macht. Und zu Teams, die keine Risiken mehr eingehen, weil ein Fehler zu teuer wäre.
Perfektionismus ist kein hoher Anspruch. Er ist ein Anspruch, der sich nie selbst erfüllen lässt.
Ein milderer Maßstab
Der Ausweg ist nicht Gleichgültigkeit. Es ist ein Maßstab, der die Sache ernst nimmt und sich selbst freundlich behandelt. Hilfreich ist die Frage: Was ist hier gut genug, gemessen an dem, worum es wirklich geht? Nicht jede Aufgabe verdient dieselbe Sorgfalt. Zu wissen, wo achtzig Prozent reichen, ist keine Nachlässigkeit. Es ist Urteilskraft.
Und manchmal ist der mutigste Satz, den eine Führungskraft sagen kann, dieser: Das ist fertig. Nicht perfekt, aber gut, und fertig.
Wenn Sie diesen leisen Verschleiß bei sich kennen, schreiben Sie mir gern. Ich antworte persönlich.

