Resilienz ist zu einem Leistungsbegriff geworden. "Werde resilienter" klingt inzwischen wie "werde produktiver", noch eine Anforderung auf einer ohnehin langen Liste. Genau hier beginnt das Missverständnis.

Resilienz ist keine Superkraft, die manche Menschen haben und andere nicht. Sie ist auch kein Panzer, der Sie unverwundbar macht. Resilienz ist die Fähigkeit, nach Belastung wieder in Form zu kommen. Nicht das Vermeiden des Sturms, sondern das Zurückfinden danach.

Der Denkfehler hinter dem Trend

Viele Resilienz-Programme behandeln den einzelnen Menschen, als wäre er das Problem. Halte mehr aus, atme richtig, denke positiv. Das verschiebt die Verantwortung an die falsche Stelle. Wenn ein ganzes Team erschöpft ist, liegt das selten an mangelnder Selbstoptimierung, sondern an Bedingungen, die niemand mehr trägt.

Resilienz im echten Sinn ist deshalb auch eine Frage der Organisation. Klare Prioritäten, verlässliche Pausen, eine Kultur, in der man Grenzen nennen darf, ohne als schwach zu gelten. Das wirkt stärker als jedes Achtsamkeitstraining.

Was Resilienz wirklich nährt

Auf der persönlichen Ebene speist sich Resilienz aus drei Quellen. Aus Beziehungen, die tragen. Aus dem Gefühl, Einfluss auf das eigene Leben zu haben. Und aus einem Sinn, der größer ist als die aktuelle Aufgabe.

Keine dieser Quellen entsteht durch Anstrengung. Sie entstehen durch Pflege. Durch Zeit für Menschen, durch ehrliche Entscheidungen, durch das gelegentliche Innehalten und die Frage, ob der Weg noch stimmt.

Resilienz ist nicht die Abwesenheit von Erschöpfung. Sie ist das Wissen, dass und wie Sie zurückfinden.

Weniger Disziplin, mehr Beziehung

Wenn Sie also resilienter werden wollen, fügen Sie nicht noch eine Übung hinzu. Schauen Sie zuerst, was Ihnen Kraft entzieht, und was sie Ihnen zurückgibt. Oft liegt der größte Hebel nicht im Mehr, sondern im Weniger.

Mich begleitet seit Jahren das Bild eines Baumes. Er widersteht dem Wind nicht, indem er starr wird. Er hält, weil er tief wurzelt und sich bewegen darf.

Wenn Sie das Thema gerade beschäftigt, schreiben Sie mir gern, was Sie konkret bewegt. Ich antworte persönlich.

Ulrike von den Driesch
Ulrike von den Driesch
Diplom-Psychologin · Coach und Beraterin · Köln