Das Projekt ist abgeschlossen, der Kunde ist zufrieden. Am Abend schreiben Sie eine Mail an das ganze Team: „Herzlichen Dank an alle für den großartigen Einsatz.“ Sie meinen es ernst. Und doch liest die Kollegin, die drei Wochenenden an der Datenübernahme gesessen hat, denselben Satz wie der Kollege, der vor allem in den Abstimmungsrunden zu sehen war. Sie fühlt sich nicht gemeint.
So entsteht eine merkwürdige Lücke. Führungskräfte haben den Eindruck, Wertschätzung zu zeigen, und Mitarbeitende haben den Eindruck, sie nicht zu bekommen. Oft haben beide recht, weil sie unter Wertschätzung Verschiedenes verstehen.
Wertschätzung scheitert selten am guten Willen. Sie scheitert an Ungenauigkeit, an fehlender Zeit und daran, dass sie mit Lob verwechselt wird.
Kurz erklärt: Wertschätzung als Führungskraft heißt, Menschen und ihre Arbeit ernst zu nehmen und das im Alltag erkennbar zu machen: durch genaue Rückmeldung, Aufmerksamkeit, rechtzeitige Information, Beteiligung und eine faire Verteilung von Aufgaben. Sie ist mehr als Lob, das eine Leistung bewertet. Die Forschung zeigt, dass ein Missverhältnis zwischen hohem Einsatz und geringer Anerkennung ein Gesundheitsrisiko ist und dass Wertschätzung durch Vorgesetzte die Folgen von Belastungen abfedern kann. Wirksam ist sie, wenn sie konkret, persönlich und glaubwürdig ist, nicht als Floskel und nicht mit der Gießkanne.
Lob, Anerkennung, Wertschätzung: drei verschiedene Dinge
Im Alltag werden die drei Begriffe oft gleichbedeutend verwendet. Für Ihre Führungsarbeit lohnt es sich, sie zu unterscheiden.
- Lob bewertet eine Leistung, meist ein Ergebnis: „Das haben Sie gut gemacht.“ Lob ist wertvoll, hat aber eine eingebaute Rangordnung, denn wer lobt, beurteilt. Bei erfahrenen Mitarbeitenden kann pauschales Lob deshalb sogar herablassend wirken.
- Anerkennung würdigt einen Beitrag oder einen Einsatz, auch wenn das Ergebnis nicht perfekt war: „Ich habe gesehen, wie viel Sie in die Datenübernahme gesteckt haben, auch an den Wochenenden.“ Anerkennung sagt, dass der Einsatz bemerkt wurde.
- Wertschätzung ist eine Haltung gegenüber dem Menschen, die sich im Verhalten zeigt. Sie wird sichtbar, wenn Sie zuhören, Informationen teilen, Menschen vor Entscheidungen fragen und Zusagen einhalten. Sie zeigt sich auch dann, wenn gerade nichts zu loben ist.
Die Forschung fasst diese Formen meist unter dem englischen Begriff „appreciation“ zusammen. Die Arbeitsgruppe um den Berner Arbeitspsychologen Norbert Semmer hat Wertschätzung als eigenständige Ressource untersucht. Ihr theoretischer Ausgangspunkt lautet, dass Menschen ihren Selbstwert schützen wollen und dass vieles, was bei der Arbeit belastet oder stärkt, über genau diesen Selbstwert wirkt. Wertschätzung stärkt ihn, Geringschätzung greift ihn an.
Warum Wertschätzung keine Nettigkeit ist
Der Medizinsoziologe Johannes Siegrist hat das Modell beruflicher Gratifikationskrisen entwickelt. Es beschreibt Stress bei der Arbeit als fehlende Gegenseitigkeit: Menschen verausgaben sich stark und bekommen wenig zurück. Als Gegenleistung zählen dabei nicht nur Geld, sondern auch soziale Anerkennung, Aufstiegschancen und Arbeitsplatzsicherheit. Schon in seiner grundlegenden Veröffentlichung von 1996 berichtete Siegrist aus einer prospektiven Studie mit Arbeitern, dass solche Bedingungen neue Herz-Kreislauf-Ereignisse vorhersagten.
Spätere Studien haben diese Richtung bestätigt. Eine finnische Kohortenstudie von Mika Kivimäki und Kollegen begleitete 812 Beschäftigte eines Metallunternehmens über durchschnittlich 25,6 Jahre. Wer ein Ungleichgewicht zwischen Einsatz und Gegenleistung erlebte, also niedriges Gehalt, fehlende soziale Anerkennung und wenige Aufstiegschancen im Verhältnis zum geforderten Einsatz, hatte ein 2,4-fach erhöhtes Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Eine Metaanalyse von Reiner Rugulies und Kollegen fasste 2017 acht Kohortenstudien mit knapp 85.000 Beschäftigten zusammen. Wer eine Gratifikationskrise erlebte, hatte ein rund anderthalbfach erhöhtes Risiko, später an einer Depression zu erkranken.
Für Führungskräfte ist dabei eine Unterscheidung wichtig. Über Gehalt und Aufstieg entscheiden Sie oft nur begrenzt mit. Über die Anerkennung im Alltag entscheiden Sie dagegen jeden Tag, sie ist der Teil der Gegenseitigkeit, der am direktesten in Ihrer Hand liegt. Wertschätzung ersetzt keine faire Bezahlung, aber faire Bezahlung ersetzt auch keine Wertschätzung. Warum Gesundheit deshalb immer auch eine Führungsfrage ist, beschreibe ich im Beitrag Gesunde Führung.
Wertschätzung, die alle meint, erreicht oft niemanden.
Was Wertschätzung im Arbeitsalltag bewirkt
Neben den großen Kohortenstudien gibt es Forschung, die Wertschätzung im Arbeitsalltag direkt misst. In einer Studie mit 228 Berufsoffizieren und Berufsunteroffizieren der Schweizer Armee, deren Arbeitszeit nach oben nicht begrenzt war, ging erlebte Wertschätzung mit höherer Arbeitszufriedenheit und weniger Groll gegenüber der Organisation einher. Sie trug dabei über Handlungsspielraum, soziale Unterstützung und faire Behandlung im persönlichen Umgang hinaus zur Erklärung bei. Außerdem schwächte sie ab, wie stark lange Arbeitszeiten die Zufriedenheit drückten.
Eine Längsschnittstudie mit 208 Beschäftigten aus sieben Unternehmen untersuchte Arbeitsunterbrechungen, eine der alltäglichsten Belastungen überhaupt. Wo Beschäftigte Wertschätzung durch ihre Vorgesetzten erlebten, wirkten sich Unterbrechungen weniger auf Arbeitszufriedenheit, Selbstwirksamkeit, depressive Stimmung und Schlafprobleme aus. Die Unterbrechungen selbst verschwanden dadurch nicht, aber sie trafen auf Menschen, die sich gesehen fühlten.
Ein dritter Befund kommt aus der Motivationsforschung. In der Metaanalyse von Edward Deci, Richard Koestner und Richard Ryan aus dem Jahr 1999 stärkte positives Feedback die innere Motivation, also das Interesse an einer Tätigkeit und die Bereitschaft, sie freiwillig fortzusetzen. Für erwartete materielle Belohnungen galt das nicht, sie schwächten die innere Motivation eher. Was das für Motivation insgesamt bedeutet, lesen Sie im Beitrag Mitarbeiter motivieren.
Warum Wertschätzung in vielen Teams fehlt
Wenn Wertschätzung so viel bewirkt, warum ist sie im Alltag so selten? Die Gründe sind meist kein böser Wille, sondern Gewohnheit:
- Zeitdruck: Wer von Termin zu Termin eilt, sieht vor allem, was nicht funktioniert. Was gut läuft, fällt nicht auf.
- Gute Arbeit als Normalfall: Der alte Satz „Nicht geschimpft ist genug gelobt“ lebt in vielen Organisationen fort, auch wenn ihn niemand mehr laut sagt.
- Die Sorge vor Ansprüchen: Manche Führungskräfte fürchten, dass Anerkennung zu Forderungen nach mehr Geld oder einer Beförderung führt.
- Eigener Mangel: Wer selbst von oben kaum Anerkennung erfährt, gibt sie schwerer weiter. Wie es sich anfühlt, zwischen den Ebenen zu stehen, beschreibe ich im Beitrag Führen in der Sandwichposition.
- Unsicherheit: Viele wissen nicht, wie man Anerkennung ausspricht, ohne dass es gekünstelt klingt, und lassen es deshalb ganz.
In meiner Arbeit mit Führungskräften erlebe ich oft, dass gerade die Gewissenhaften am sparsamsten mit Anerkennung umgehen. Sie legen an andere denselben hohen Maßstab an wie an sich selbst, und was diesem Maßstab genügt, erscheint ihnen nicht erwähnenswert.
Wertschätzung im Alltag zeigen: konkrete Formen
Wertschätzung entsteht weniger in großen Gesten als in vielen kleinen, verlässlichen Handlungen. Diese Formen haben sich bewährt:
- Genau benennen: Sagen Sie, was Sie konkret gesehen haben und warum es wichtig war. Je genauer die Rückmeldung, desto glaubwürdiger ist sie.
- Ungeteilte Aufmerksamkeit: Ein Gespräch, in dem das Telefon umgedreht auf dem Tisch liegt, sagt mehr als jedes Dankeschön.
- Informieren, bevor es andere tun: Wer Neuigkeiten über das eigene Team auf dem Flur erfährt, fühlt sich übergangen.
- Fragen und zurückmelden: Holen Sie Meinungen ein, bevor Sie entscheiden, und sagen Sie hinterher, was aus den Hinweisen geworden ist, auch wenn Sie anders entschieden haben.
- Unsichtbare Arbeit sehen: Die Einarbeitung neuer Kolleginnen, die Qualitätssicherung, das Auffangen von Spannungen im Team. Solche Arbeit ist selten sichtbar und oft entscheidend.
- Einsatz auch bei Misserfolg anerkennen: Gerade wenn ein Vorhaben scheitert, zeigt sich, ob Sie den Einsatz sehen oder nur das Ergebnis.
- Aufgaben fair verteilen: Semmer und Kollegen beschreiben Aufgaben, die Beschäftigte als unnötig oder unzumutbar erleben, als illegitime Aufgaben. In ihren Studien hingen sie mit geringerem Selbstwert, Groll gegenüber der Organisation und Burnout zusammen. Wer solche Aufgaben vergeben muss, sollte sie zumindest erklären.
- Etwas zutrauen: Eine anspruchsvolle Aufgabe, die Sie jemandem bewusst übertragen, ist eine der deutlichsten Formen von Wertschätzung.
Die typischen Fallen
- Die Floskel: „Danke für alles“ oder „Super gemacht“ sind schnell gesagt und schnell vergessen. Menschen erkennen Floskeln sofort, und auf Dauer entwerten sie auch ernst gemeinte Sätze.
- Die Gießkanne: Wer alle gleich lobt, zeigt damit, dass er Unterschiede nicht wahrnimmt. Gerechte Wertschätzung heißt nicht gleiche Worte für alle, sondern genaue Worte für jeden.
- Das Lob als Türöffner: Wenn auf Anerkennung regelmäßig ein „Aber“ folgt, hört Ihr Team Anerkennung bald als Vorwarnung.
- Wertschätzung als Technik: Anerkennung, die eingesetzt wird, um etwas zu erreichen, etwa die Bereitschaft zu Überstunden, wird früher oder später durchschaut.
- Nur für die Sichtbaren: Wer in Meetings viel spricht, bekommt leicht mehr Anerkennung als jemand, der still und verlässlich arbeitet.
- Öffentlich um jeden Preis: Nicht jeder Mensch möchte vor der ganzen Abteilung gelobt werden. Fragen Sie im Zweifel, was jemandem lieber ist.
- Dank statt Entlastung: Ein Dankeschön ersetzt keine Unterstützung. Wer dauerhaft überlastet ist, hört Lob irgendwann als Hohn.
Wenn Menschen über lange Zeit keine Anerkennung erfahren, ziehen sie sich oft leise zurück. Woran Sie das erkennen und wie Sie es ansprechen, beschreibe ich im Beitrag Innere Kündigung erkennen.
Eine Übung: Wertschätzung in drei Sätzen
Anerkennung, die ankommt, hat meist dieselbe einfache Form. Sie lässt sich üben:
- Was ich gesehen habe: „Mir ist aufgefallen, dass Sie die Übergabe an das neue Team vollständig dokumentiert haben.“
- Was es bewirkt hat: „Dadurch konnte das Team ohne Rückfragen starten, und wir haben eine Woche gewonnen.“
- Was es mir bedeutet: „Das war mir wichtig, und dafür möchte ich mich ausdrücklich bei Ihnen bedanken.“
Dazu passt eine kleine Routine. Nehmen Sie sich einmal pro Woche zehn Minuten und gehen Sie die Namen in Ihrem Team durch. Bei wem haben Sie in dieser Woche etwas Konkretes gesehen, das Anerkennung verdient? Und bei wem fällt Ihnen nichts ein? Die zweite Frage ist oft die aufschlussreichere, denn sie zeigt, wohin Ihre Aufmerksamkeit gerade nicht reicht.
Wenn es allein nicht weitergeht
Als Diplom-Psychologin begleite ich Führungskräfte dabei, ihre eigene Art zu finden, Anerkennung auszusprechen, ohne sich zu verbiegen, in der Praxis in Köln, vor Ort oder online. Organisationen unterstütze ich, wenn Wertschätzung Teil der Führungskultur werden soll, etwa in der Führungskräfteentwicklung oder wenn es darum geht, mentale Gesundheit im Unternehmen zu verankern. Einen Überblick finden Sie unter Leistungen.
Häufige Fragen zu Wertschätzung in der Führung
Was bedeutet Wertschätzung in der Führung?
Wertschätzung in der Führung bedeutet, Menschen und ihre Arbeit ernst zu nehmen und das im Verhalten erkennbar zu machen. Dazu gehören genaue Rückmeldung, Aufmerksamkeit, rechtzeitige Information, Beteiligung an Entscheidungen und eine faire Verteilung von Aufgaben. Wertschätzung ist eine Haltung und zeigt sich auch dann, wenn gerade nichts zu loben ist.
Wie kann ich als Führungskraft Wertschätzung zeigen?
Am wirksamsten ist genaue Anerkennung: Benennen Sie, was Sie gesehen haben, was es bewirkt hat und was es Ihnen bedeutet. Ebenso wichtig sind ungeteilte Aufmerksamkeit im Gespräch, rechtzeitige Information, das Einholen von Meinungen vor Entscheidungen und der Blick auf unsichtbare Arbeit.
Was ist der Unterschied zwischen Lob und Wertschätzung?
Lob bewertet eine Leistung, meist ein Ergebnis, und setzt damit eine Rangordnung voraus. Wertschätzung ist eine Haltung gegenüber dem Menschen, die sich in vielen Handlungen zeigt, etwa im Zuhören, im Informieren und im Einhalten von Zusagen. Anerkennung liegt dazwischen und würdigt einen Einsatz, auch wenn das Ergebnis nicht perfekt war.
Warum ist Wertschätzung am Arbeitsplatz so wichtig?
Nach dem Modell beruflicher Gratifikationskrisen von Johannes Siegrist belastet es Menschen, wenn hoher Einsatz auf geringe Gegenleistung trifft, zu der auch soziale Anerkennung gehört. Solche Gratifikationskrisen gehen in Studien mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen einher. Wertschätzung durch Vorgesetzte kann außerdem die Folgen alltäglicher Belastungen abfedern.
Kann man als Führungskraft zu viel loben?
Problematisch ist weniger die Menge als die Ungenauigkeit. Pauschales Lob für alle verliert seinen Wert und kann ernst gemeinte Anerkennung entwerten. Genaue, verdiente Anerkennung behält dagegen ihren Wert.
Wie zeige ich Wertschätzung im Team, ohne jemanden zu bevorzugen?
Achten Sie darauf, dass Ihre Aufmerksamkeit nicht nur den Sichtbaren gilt. Eine wöchentliche Prüfung, bei wem Sie zuletzt etwas Konkretes anerkannt haben, macht blinde Flecken sichtbar. Fair heißt dabei nicht, alle gleich zu loben, sondern jeden genau zu sehen.
Genau hinsehen
Wertschätzung ist keine Frage der richtigen Worte, sondern der richtigen Aufmerksamkeit. Wer genau hinsieht, findet auch die passenden Sätze, und wer sie ausspricht, wird mit der Zeit genauer im Hinsehen.
Vielleicht fangen Sie in dieser Woche mit einem einzigen Menschen in Ihrem Team an, bei dem Sie lange nichts Konkretes mehr gesagt haben. Wenn Sie das vertiefen möchten, schreiben Sie mir gern. Ich antworte persönlich.
Quellen
- Siegrist, J.: Adverse health effects of high-effort/low-reward conditions. Journal of Occupational Health Psychology, 1996.
- Kivimäki, M., Leino-Arjas, P., Luukkonen, R., Riihimäki, H., Vahtera, J. und Kirjonen, J.: Work stress and risk of cardiovascular mortality: prospective cohort study of industrial employees. BMJ, 2002.
- Rugulies, R., Aust, B. und Madsen, I. E. H.: Effort-reward imbalance at work and risk of depressive disorders. A systematic review and meta-analysis of prospective cohort studies. Scandinavian Journal of Work, Environment & Health, 2017.
- Stocker, D., Jacobshagen, N., Semmer, N. K. und Annen, H.: Appreciation at work in the Swiss Armed Forces. Swiss Journal of Psychology, 2010.
- Stocker, D., Keller, A. C., Meier, L. L., Elfering, A., Pfister, I. B., Jacobshagen, N. und Semmer, N. K.: Appreciation by supervisors buffers the impact of work interruptions on well-being longitudinally. International Journal of Stress Management, 2019.
- Semmer, N. K., Tschan, F., Jacobshagen, N., Beehr, T. A., Elfering, A., Kälin, W. und Meier, L. L.: Stress as Offense to Self: a Promising Approach Comes of Age. Occupational Health Science, 2019.
- Semmer, N. K., Jacobshagen, N., Meier, L. L., Elfering, A., Beehr, T. A., Kälin, W. und Tschan, F.: Illegitimate tasks as a source of work stress. Work & Stress, 2015.
- Deci, E. L., Koestner, R. und Ryan, R. M.: A meta-analytic review of experiments examining the effects of extrinsic rewards on intrinsic motivation. Psychological Bulletin, 1999.

