„Irgendwann merken die, dass ich das gar nicht kann.“ Kennen Sie diesen Gedanken? Erstaunlich selten stammt er von Menschen, die tatsächlich überfordert sind. Viel öfter meldet er sich bei denen, die gerade befördert wurden, deren Rat im ganzen Haus gefragt ist oder die seit Jahren gute Ergebnisse liefern. In meiner Arbeit mit Führungskräften begegnet er mir in vielen Varianten. Fast immer leise, fast immer gut versteckt.

Die Psychologie nennt das Impostor-Syndrom, oft auch als Impostor-Phänomen beschrieben. Auf Deutsch heißt es Hochstapler-Syndrom. Wer es kennt, kann sehr erfolgreich sein und sich trotzdem wie ein Schwindler fühlen. Dass das kein Widerspruch ist, sondern ein gut erforschtes Muster, ist die erste gute Nachricht.

Kurz erklärt: Das Impostor-Syndrom, auch Hochstapler-Syndrom oder Impostor-Phänomen genannt, beschreibt das anhaltende Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben. Betroffene erklären ihre Leistungen mit Glück, Zufall oder übergroßer Anstrengung statt mit ihrer Kompetenz und fürchten, eines Tages entlarvt zu werden. Eine psychische Erkrankung ist es nicht.

Herkunft des Impostor-Syndroms

Beschrieben haben es 1978 die Psychologinnen Pauline Rose Clance und Suzanne Imes. Sie begleiteten über 150 sehr erfolgreiche Frauen: promovierte Wissenschaftlerinnen, angesehene Fachleute, ausgezeichnete Studentinnen. Viele von ihnen waren überzeugt, alle anderen über ihre wahren Fähigkeiten getäuscht zu haben. Gute Prüfungsergebnisse erklärten sie mit Glück oder mit einem Fehler bei der Bewertung. Keine noch so große Leistung konnte diese Überzeugung erschüttern.

Clance kannte das Gefühl aus ihrer eigenen Studienzeit. Vor wichtigen Prüfungen erinnerte sie sich an alles, was sie nicht wusste, und kaum an das, was sie konnte.

Wichtig ist ein Detail, das im Alltag oft untergeht. Clance und Imes sprachen von einem Phänomen, nicht von einem Syndrom. Das Impostor-Syndrom ist keine Diagnose und keine Krankheit, sondern ein Erlebensmuster, also eine bestimmte Art, Erfolge und Misserfolge zu deuten. Das ist mehr als Wortklauberei. Ein Muster lässt sich verstehen und verändern.

Es trifft auch nicht nur Frauen. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 wertete 62 Studien mit über 14.000 Teilnehmenden aus. Sie fand das Impostor-Syndrom bei Männern wie bei Frauen häufig, von Jugendlichen bis zu erfahrenen Berufstätigen.

Warum Führungskräfte besonders betroffen sind

Man könnte meinen, der Zweifel verschwinde mit dem Erfolg. Die Daten deuten in die andere Richtung. In einer Befragung des Beratungsunternehmens Korn Ferry unter 10.000 Berufstätigen berichteten 71 Prozent der US-amerikanischen CEOs von Anzeichen des Impostor-Syndroms. Bei weiteren Top-Führungskräften waren es 65 Prozent, bei Berufseinsteigern 33 Prozent. Gleichzeitig gaben 85 Prozent der CEOs an, sich in ihrer Rolle völlig kompetent zu fühlen. Beides stimmt zugleich.

Befragungen von Unternehmen sind eher ein Tendenzsignal als ein wissenschaftlicher Befund. Die Richtung ist trotzdem deutlich. Mit der Verantwortung wächst auch der Zweifel. Dafür gibt es gute Gründe, und keiner davon hat mit mangelnder Eignung zu tun.

Der erste Grund: Mit jeder Stufe verändert sich, woran Sie Ihre eigene Kompetenz ablesen können. Als Fachkraft sehen Sie am Abend, was Sie geschafft haben. Als Führungskraft arbeiten Sie durch andere. Ihre Ergebnisse sind die Ergebnisse Ihres Teams, und der eigene Anteil daran bleibt unscharf. Wer ohnehin dazu neigt, Erfolge den Umständen zuzuschreiben, findet hier reichlich Material. Warum dieser Wechsel so viele erfahrene Fachleute verunsichert, beschreibe ich im Beitrag Vom Experten zur Führungskraft.

Der zweite Grund: Der Abstand wächst zwischen dem, was Sie sicher wissen, und dem, was Sie entscheiden müssen. Oben landen die Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Wer dann Unsicherheit spürt, deutet sie leicht als eigenes Unvermögen. Dabei gehört sie zur Rolle.

Der dritte Grund: Ehrliches Feedback wird seltener, je höher Sie steigen. Lob klingt oben schnell nach Höflichkeit. Kritik bleibt ganz aus. Ohne verlässliche Rückmeldung von außen hat die innere Stimme freie Bahn. Was das mit der Selbsteinschätzung macht, habe ich in meinem kostenfreien Leitfaden mit Studienzahlen zusammengefasst.

Woran Sie das Impostor-Syndrom erkennen

Kaum jemand würde von sich sagen: „Ich fühle mich wie ein Hochstapler.“ Pauline Clance hat genau das beobachtet. Hören Betroffene aber von dem Phänomen, erkennen sich viele sofort wieder. Typische Anzeichen im Führungsalltag sind diese:

  • Lob ist Ihnen unangenehm, und Sie relativieren es, bevor es ganz ausgesprochen ist.
  • Erfolge erklären Sie mit Glück, gutem Timing oder dem Team. Fehler erklären Sie mit sich selbst.
  • Vor wichtigen Terminen bereiten Sie sich weit mehr vor als nötig, oder Sie schieben die Vorbereitung auf und arbeiten dann unter Hochdruck.
  • Im Leitungskreis stellen Sie ungern Fragen, weil sie eine Wissenslücke verraten könnten.
  • Aufgaben geben Sie ungern ab, weil Sie glauben, sich durch eigene Mehrarbeit beweisen zu müssen.
  • Nach jedem Erfolg kommt kurz Erleichterung und dann die Sorge, beim nächsten Mal nicht mehr zu genügen.

Einzelne Punkte kennt fast jede Führungskraft. Aufmerksam sollten Sie dann werden, wenn mehrere zusammenkommen und über lange Zeit bleiben.

Die Fleiß-Falle: warum Erfolg den Zweifel nicht auflöst

Das Tückische am Impostor-Syndrom ist seine innere Logik. Vor einer wichtigen Aufgabe meldet sich der Zweifel. Also bereiten Sie sich überdurchschnittlich gründlich vor. Die Aufgabe gelingt. Dann folgt der entscheidende Schritt. Den Erfolg verbuchen Sie auf das Konto der Mehrarbeit, nicht auf das Ihrer Fähigkeit. Beim nächsten Mal ist die Angst deshalb wieder da, und mit ihr die Überzeugung, dass nur noch mehr Einsatz Sie retten kann.

Schon Clance und Imes beobachteten, dass vor allem Fleiß und harte Arbeit das Muster am Leben halten. Jeder Erfolg bestätigt dann nicht die eigene Kompetenz, sondern die Methode der Überanstrengung. So wird aus einem Gefühl ein System. Wie eng das mit überhöhten Maßstäben zusammenhängt, lesen Sie im Beitrag Perfektionismus, der leise Verschleiß.

Kompetenz fühlt sich von innen selten so an, wie sie von außen aussieht.

Was das Impostor-Syndrom in der Führung kostet

Für Sie selbst ist der Preis oft hoch. Die eingangs erwähnte Übersichtsarbeit fand, dass das Impostor-Syndrom häufig mit Depression und Angst einhergeht und mit geringerer Arbeitszufriedenheit, schwächerer Leistung und Burnout zusammenhängt. Wer sich dauerhaft beweisen muss, kommt nie ganz zur Ruhe. Das kostet Kraft.

Für Ihr Team zeigt sich der Preis weniger direkt. Wer die eigene Unsicherheit verbergen muss, kontrolliert oft mehr als nötig, gibt ungern ab und sichert Entscheidungen doppelt und dreifach ab. Und es passiert etwas Leiseres. Eine Führungskraft, die nie zugibt, etwas nicht zu wissen, macht es auch ihrem Team schwer, Unsicherheit anzusprechen. Ein Klima, in dem Fehler und Fragen besprechbar sind, beginnt bei der Führung. Mehr dazu im Beitrag Psychologische Sicherheit im Team.

Was gegen das Impostor-Syndrom wirklich hilft

Abschalten lässt sich das Impostor-Syndrom nicht. Das Ziel ist auch nicht, nie mehr zu zweifeln. Das Ziel ist, dass der Zweifel nicht länger Ihre Entscheidungen und Ihren Kalender bestimmt. Wissenschaftlich geprüfte Programme gibt es dafür kaum. Die Übersichtsarbeit von 2020 fand noch keine einzige Studie, die eine Behandlung untersucht hätte. Was hilft, stammt deshalb vor allem aus der psychologischen Praxis. Fünf Ansätze tragen dabei besonders weit.

Erstens: den Gedanken beim Namen nennen

Der wirksamste erste Schritt ist oft der unscheinbarste. Wenn der Gedanke „Die merken gleich, dass ich das nicht kann“ auftaucht, hilft ein innerer Satz: Das ist mein Impostor-Gedanke. Er beschreibt ein Gefühl, keine Tatsache. Diese kleine Distanz verändert viel. Sie müssen den Gedanken nicht widerlegen. Es reicht, ihm nicht mehr blind zu glauben.

Zweitens: Erfolge ehrlich zuordnen

Menschen mit Impostor-Gefühlen sind großzügig mit Schuld und geizig mit Anerkennung, jedenfalls sich selbst gegenüber. Nach einem Erfolg lohnen deshalb drei nüchterne Fragen. Was genau habe ich dazu beigetragen? Welche Fähigkeit steckt dahinter? Und wie würde ich dasselbe Ergebnis bei einer geschätzten Kollegin bewerten? Die dritte Frage ist oft die aufschlussreichste. Wer die Antworten eine Weile schriftlich festhält, hat bald eine Liste, die der inneren Stimme etwas entgegensetzt.

Drittens: Nichtwissen als Teil der Rolle begreifen

Führung heißt nicht, alles zu wissen, sondern die richtigen Fragen zu stellen und gute Entscheidungen möglich zu machen. Wer das verinnerlicht, muss eine Wissenslücke nicht mehr verstecken. Ein Satz wie „Das weiß ich nicht, lassen Sie uns das klären“ ist kein Eingeständnis von Schwäche. Er ist Führung. Warum Fragen oft mehr bewegen als Antworten, lesen Sie im Beitrag Die Kraft der richtigen Frage.

Viertens: ehrliches Feedback einholen

Gegen eine verzerrte Selbstwahrnehmung hilft kein Schulterklopfen, sondern genaue Rückmeldung. Wirksam sind Fragen wie diese: Was hat in diesem Projekt durch mich funktioniert? Was sollte ich beim nächsten Mal anders machen? Konkretes Feedback ist schwerer zu verdrängen als allgemeines Lob. Wie ein Feedbackgespräch klingt, das wirklich etwas bewegt, zeige ich im Beitrag Feedback, das niemand hören will.

Fünftens: das Geheimnis teilen

Clance und Imes beschrieben das Impostor-Gefühl als gut gehütetes Geheimnis. In ihren Gruppen erlebten sie, was geschieht, wenn eine Person es ausspricht. Andere trauen sich, ihr eigenes zu teilen, und sind erleichtert, nicht allein zu sein. Mehr noch: Am Gegenüber wird sichtbar, wie wenig der Zweifel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Bei anderen sieht man sofort, was man bei sich selbst übersieht.

Für Führungskräfte kann dieser Ort eine kollegiale Beratung sein, ein vertrauter Mentor oder ein Coaching. Warum gerade Führungskräfte so selten einen solchen Ort haben, beschreibe ich im Beitrag Warum Führungskräfte einsam werden.

Coaching oder Therapie?

Coaching hilft, wenn das Impostor-Gefühl vor allem in der Rolle auftaucht: bei einer Beförderung, einer neuen Verantwortung oder in den ersten 100 Tagen. Dann geht es darum, das Muster zu erkennen, Erfolge neu zu deuten und im Alltag anders zu handeln. Anders ist es, wenn die Selbstzweifel alle Lebensbereiche durchziehen oder wenn Niedergeschlagenheit, Ängste und Schlafprobleme über Wochen anhalten. Dann ist eine psychotherapeutische Abklärung der richtige Weg. Das ist keine Niederlage. Coaching ist kein Therapieersatz, und ein gutes Coaching sagt das auch.

Als Diplom-Psychologin begleite ich Führungskräfte genau an dieser Stelle, vor Ort, in der Coachingpraxis in Köln oder online. Wie das abläuft, lesen Sie im Beitrag Coaching für Führungskräfte. Einen ersten ehrlichen Blick auf Ihre Führung bietet der kostenfreie Klarheits-Check: acht Fragen, vier Dimensionen und eine Auswertung als PDF.

Häufige Fragen zum Impostor-Syndrom

Was ist das Impostor-Syndrom, einfach erklärt?

Das Impostor-Syndrom ist das anhaltende Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und andere über die eigenen Fähigkeiten zu täuschen. Betroffene erklären Erfolge mit Glück oder großer Anstrengung und fürchten, entlarvt zu werden. Der Begriff geht auf die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes zurück, die das Phänomen 1978 beschrieben haben.

Ist das Impostor-Syndrom eine Krankheit?

Nein. Das Impostor-Syndrom ist keine anerkannte Diagnose, sondern ein Erlebensmuster. Es kann aber stark belasten und tritt häufig zusammen mit Depression oder Angst auf. Halten Niedergeschlagenheit oder Ängste über Wochen an, ist eine psychotherapeutische Abklärung sinnvoll.

Wie häufig ist das Impostor-Syndrom?

Das hängt stark davon ab, wie man misst. Eine Übersichtsarbeit über 62 Studien fand je nach Messinstrument Häufigkeiten zwischen 9 und 82 Prozent. In einer Befragung von Korn Ferry berichteten 71 Prozent der US-amerikanischen CEOs von Anzeichen, aber nur 33 Prozent der Berufseinsteiger.

Sind Frauen häufiger betroffen als Männer?

Beschrieben wurde das Phänomen zuerst bei erfolgreichen Frauen. Die Übersichtsarbeit von 2020 fand es jedoch bei beiden Geschlechtern häufig und in allen Altersgruppen. Das Impostor-Syndrom ist also kein Frauenthema, sondern ein Thema von Menschen, die viel leisten und sich selbst streng beurteilen.

Gibt es einen Test für das Impostor-Syndrom?

Das bekannteste Instrument ist die Clance Impostor Phenomenon Scale, kurz CIPS. Sie besteht aus 20 Aussagen und steht auf der Website von Pauline Clance auf Englisch zur Verfügung. Die Auswertung zeigt, ob Impostor-Gefühle kaum, mäßig, häufig oder intensiv auftreten. Eine psychologische Diagnostik ersetzt sie nicht.

Was hilft gegen das Impostor-Syndrom?

Hilfreich ist zuerst, den Gedanken als Gedanken zu erkennen und nicht als Tatsache. Dazu kommen eine ehrliche Zuordnung von Erfolgen, der Mut, Wissenslücken offen zu benennen, gezieltes Feedback und ein vertraulicher Ort, an dem die Zweifel ausgesprochen werden dürfen, etwa eine kollegiale Beratung oder ein Coaching.

Zweifel ist kein Beweis

Das Impostor-Gefühl beweist nicht, dass Sie fehl am Platz sind. Oft zeigt es nur, dass Sie Ihre Verantwortung ernst nehmen und mehr sehen als andere, auch das, was Sie noch nicht wissen. Die Aufgabe ist nicht, dieses Sehen abzustellen, sondern ihm das Gegengewicht zu geben, das ihm fehlt: den ehrlichen Blick auf das, was Sie längst können.

Vielleicht beginnt das mit einer einzigen Frage: Welchen Erfolg der letzten Monate haben Sie sich eigentlich noch nie selbst zugeschrieben?

Wenn Sie darüber mit jemandem sprechen möchten, schreiben Sie mir gern. Ich antworte persönlich.

Quellen

Ulrike von den Driesch
Diplom-Psychologin · Coach und Beraterin · Köln